Pizza, Pixel, Polizeiarbeit


Binary Impact und LKA Rheinland-Pfalz machen gemeinsame Sache

Blutspuren am Boden. Fingerabdrücke auf einem Glas. Einschusslöcher in der Wohnzimmerwand. Nummerierte Karten im ganzen Raum verteilt. Was nach der dramatischen Kulisse eines typischen Krimis klingt, ist weit mehr als das. Es sind Hinweise. Hinweise, die erst durch forensische Untersuchungen die Aufklärung eines Verbrechens ermöglichen. Solche Tatorte gehören zum Arbeitsplatz von Kriminaltechnikern. Sie sichern Spuren, analysieren Proben und versuchen mit höchster Präzision und viel Geduld herauszufinden, was geschah. So werden aus Hinweisen schließlich Beweise.

Eine ungewöhnliche Zusammenarbeit
Was normalerweise hinter den verschlossenen Türen kriminaltechnischer Labore geschieht, können seit einigen Wochen auch Außenstehende erleben. Nicht durch eine Dokumentation oder Fernsehserie, sondern durch ein Videospiel. „Forensics: Crime Scene Detective“ sorgt derzeit weit über die Gaming-Szene hinaus für internationale Aufmerksamkeit. Der Grund: seine außergewöhnliche Authentizität.

Entwickelt wurde das Videospiel nicht etwa von einem großen internationalen Studio, sondern von der Binary Impact GmbH, einem kleinen inhabergeführten IT-Unternehmen aus Niederelbert im Westerwald. Dessen Ursprünge liegen in der Entwicklung von Softwarelösungen. Digitale Zwillinge, Simulationen und virtuelle Trainings standen dabei im Mittelpunkt.

Als Jens Wiechering und Sebastian Pohl 2016 die Geschäftsführung übernahmen, setzten sie den zusätzlichen Fokus auf die Entwicklung von Videospielen. „Die Technologie ist dieselbe“, erklärt Wiechering. „Deshalb war es naheliegend, diesen Bereich auszubauen.“ Nach den ersten drei erfolgreichen Produktionen folgte mit „Forensics: Crime Scene Detective“ nun das vierte und bislang größte Projekt des Studios. Ein Spiel, das durch die Medienförderung Rheinland-Pfalz und die Computerspielförderung des Bundes unterstützt wurde.

Was den Titel so realistisch macht, ist naheliegend und gleichzeitig ungewöhnlich. Das Unternehmen entwickelte das Spiel gemeinsam mit der forensischen Abteilung des Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz.

Eine Vision beim Abendessen
Die Idee zu „Forensics: Crime Scene Detective“ entstand allerdings nicht bei einer strategischen Planung oder einem Brainstorming am Schreibtisch. Sie begann bei einer Pizza. Binary Impact war als Industriepartner gemeinsam mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und dem Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz an einem Forschungsprojekt beteiligt. Ziel war es, zu untersuchen, wie sich gelöschte Daten mithilfe künstlicher Intelligenz wiederherstellen lassen.

Doch neben dem fachlichen Austausch entstanden auch persönliche Gespräche. „Man sitzt bei so einem Treffen auch mal bei einer Pizza zusammen und spricht darüber, was man eigentlich außerhalb des Projekts so macht“, erinnert sich Wiechering. „Wir haben erzählt, dass wir auch Computerspiele entwickeln. Und dann kam plötzlich die Idee: Lasst uns doch ein Forensikspiel machen.“

Was zunächst beiläufig als Scherz dahingesagt wurde, entwickelte sich schnell zu einem konkreten Projekt. Denn je mehr Wiechering und Pohl über die Arbeit der Kriminaltechniker erfuhren, desto größer wurde die Begeisterung. Gleichzeitig stand für die beiden sofort fest: Wenn ein solches Spiel entstehen soll, muss es vor allem eines sein – authentisch. „Die Frage war nur, wie man die teils sehr langwierige kriminaltechnische Arbeit in ein spannendes, interaktives Erlebnis umsetzen kann, ohne die Realität zu verfälschen.“

Zwischen Klischees und Realität
Einen Ermittler, der innerhalb weniger Minuten ein Ergebnis aus dem Labor erhält. Eine Spur, die sofort zum Täter führt. All das gibt es in der Realität nicht. „Man lebt natürlich mit vielen Klischees, die man aus Filmen, Serien und Büchern kennt“, beschreibt Wiechering seine eigenen Erfahrungen. „Doch eine DNA-Analyse beispielsweise dauert oft viele Stunden oder sogar Tage. Das muss im Spiel natürlich deutlich kürzer ausfallen. Diesen schmalen Grat zwischen Authentizität und Unterhaltung zu finden, war wahrscheinlich unsere größte Herausforderung und gleichzeitig die spannendste Aufgabe.“

Hinzu kam die enorme Vielfalt der kriminaltechnischen Möglichkeiten. „Aus Hunderten verschiedenen Verfahren mussten wir uns auf vier zentrale Technologien beschränken. Alles andere hätte in jeder Hinsicht den Rahmen gesprengt.“

Entstanden ist ein Spiel, in dem der Spieler selbst zum Forensiker wird. Tatorte müssen dokumentiert, Fingerabdrücke gesichert, DNA-Proben entnommen, Projektile ballistisch untersucht und digitale Beweise ausgewertet werden. Sind die Laboruntersuchungen abgeschlossen, kann der Fall zur Überprüfung eingereicht werden. „Der Spieler erhält immer wieder kleine Hinweise, die ihm helfen, wenn er nicht mehr weiterkommt“, erläutert Wiechering. „Als E-Mail von einem virtuellen Kollegen beispielsweise.“ Auf diese Weise können zahlreiche Fälle bearbeitet werden. Ein Tutorial im Vorfeld hilft, die Techniken überhaupt verstehen und anwenden zu können. Bleibt der Fall ungelöst, kann man von vorne beginnen. „Das ist etwas, das sich wohl auch die echten Forensiker wünschen würden.“

Einblicke in eine sonst verborgene Welt
Um den Anspruch an eine möglichst hohe Wirklichkeitsnähe umsetzen zu können, öffnete das Landeskriminalamt für Binary Impact seine Türen. Die Entwickler bekamen Einblicke in die tägliche Arbeit der Forensiker und nahmen an zahlreichen Workshops teil. „Wir lernten genau das, was die Spieler letztendlich im Spiel machen müssen“, berichtet Wiechering. Auf dieser Grundlage entstanden jedoch nicht nur die Spielabläufe. „Die Kriminalfälle in unserem Spiel sind zwar fiktiv, beruhen jedoch auf den Erfahrungen der Forensiker und sind von realen Fällen inspiriert.“

Besonders spannend waren für die Entwickler die vielen kleinen, selbstverständlichen Abläufe, die zwar eine elementare Rolle spielen, Außenstehenden jedoch völlig unbekannt bleiben. „Man weiß natürlich, dass man nicht mit einem Kaffeebecher zum Tatort geht“, erzählt Wiechering schmunzelnd. „Aber dass man immer zwei Paar Handschuhe tragen muss, um Verunreinigungen zuverlässig zu vermeiden, war etwas, das uns überrascht hat.“ Genau diese Details machen für ihn den besonderen Reiz bei „Forensics: Crime Scene Detective“ aus. Sie sorgen dafür, dass die Arbeit der Forensiker glaubwürdig dargestellt wird. Es geht nicht um spektakuläre Verfolgungsjagden, wilde Schusswechsel oder langatmige Verhöre, sondern um wissenschaftliche Analysen, Genauigkeit und Konzentration.

Verantwortungsvoller Umgang mit Wissen
Von Beginn an spielte für Binary Impact ein verantwortungsvoller Umgang mit sensiblen Daten und kriminaltechnischem Wissen eine zentrale Rolle. Sämtliche Spielinhalte wurden mit dem Landeskriminalamt abgestimmt und durch den Geheimschutz geprüft. Das Ziel war klar: „Forensics: Crime Scene Detective“ sollte weder als Anleitung zur Spurenbeseitigung verstanden werden noch entscheidende Ermittlungsdaten preisgeben. „Wir verraten bewusst nicht, wie bestimmte Verfahren im Detail funktionieren. Vieles wird abstrahiert, ohne jedoch das Spielerlebnis zu beeinträchtigen.“ Auch die Darstellung der Fälle folgt einem zurückhaltenden Ansatz. Nicht die Tat selbst steht im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die versuchen, sie aufzuklären. Die Verbrechen werden respektvoll erzählt, ohne unnötige Grausamkeiten oder Effekthascherei.

Ein Projekt mit Wirkung
Von der Zusammenarbeit profitiert nicht nur Binary Impact, sondern auch das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz. „Forensics: Crime Scene Detective“ kann genutzt werden, um jungen Menschen den Beruf der Forensiker auf moderne Weise näherzubringen. „Gleichzeitig präsentiert sich das LKA als innovative Behörde, die neue Wege bei der Nachwuchsgewinnung und der Öffentlichkeitsarbeit geht“, so Wiechering. Für den Geschäftsführer hat das Projekt darüber hinaus Signalwirkung. „Ich glaube, das ist ein gutes Beispiel dafür, was möglich ist, wenn staatliche Behörden und Unternehmen zusammenarbeiten. Beide Seiten hatten ein echtes Interesse daran, etwas Gutes zu entwickeln – und genau deshalb ist dieses Projekt so erfolgreich geworden.“

Dass das Konzept auf große Resonanz stößt, zeigten bereits die ersten Zahlen. Bei der Veröffentlichung der Demo-Version auf der Computerspielplattform Steam wurde „Forensics: Crime Scene Detective“ mehr als 80.000-mal heruntergeladen. Mehr als 180.000 Nutzer setzten das Spiel auf ihre Wunschliste. Seit Juli 2026 ist „Forensics: Crime Scene Detective“ weltweit für PC, PlayStation 5 und Xbox Series X|S erhältlich. Binary Impact ist stolz auf diesen Erfolg.

Die Geschichte hinter „Forensics: Crime Scene Detective“ ist damit weit mehr als ein Bericht über Verbrechen, Spuren und Aufklärung. Das Spiel erzählt von einem mittelständischen Unternehmen aus dem Westerwald, das gemeinsam mit dem Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz eine ungewöhnliche Idee realisiert und unterschiedliche Arbeitswelten miteinander verbunden hat. Es erzählt von einem Videospiel, das reale Einblicke in einen Beruf gibt, der bisher eher unsichtbar blieb. Und es zeigt, dass Innovation nicht immer in den Entwicklungsabteilungen großer Konzerne entsteht. Manchmal beginnt sie mit einem beiläufigen Gespräch – und manchmal tatsächlich bei einer Pizza.

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Text: Jasmin Rumpf / Fotos: Binary Impact, stock.adobe.com