Der deutsche Bobsport lebt auch von Athletinnen und Athleten aus anderen Disziplinen. Besonders Sprinter, Weitspringer und Kugelstoßer bringen Explosivität, Kraft und die Fähigkeit mit, innerhalb weniger Sekunden maximale Leistung abzurufen. Denn die rasante Fahrt durch den Eiskanal beginnt mit hochpräziser Arbeit am Start.
Eine junge Frau aus unserer Region hat diesen Weg in bemerkenswertem Tempo genommen. Lena Schwöbel, geborene Brunnhübner, wuchs in Rhens auf, machte in Boppard Abitur und zog 2013 nach Brey. Dort machte sie sich zunächst als erfolgreiche Leichtathletin einen Namen. Nach einem sportlichen Wechsel gehört sie heute zu den hoffnungsvollsten deutschen Bob-Anschieberinnen. Gemeinsam mit Pilotin Charlotte Candrix gewann sie Junioren- Titel und den Europacup. Dabei hatte Lena den Wechsel in den Wintersport lange abgelehnt.
Leichtathletik als Fundament
Sport gehörte für Lena früh zum Alltag. In Rhens besuchte sie die Grundschule, später das Gymnasium in Boppard. Beim TuS Roland Brey entwickelte sie sich im Mehrkampf, konzentrierte sich aber bald auf Sprint und Weitsprung. Den Anstoß zur Leichtathletik gab seinerzeit ihr Vater Thomas, der Ultramarathons läuft. Die Tochter wählte jedoch die kurzen, explosiven Strecken.
Schon früh verband sie Schnelligkeit mit Kraft und Sprungvermögen. 2015 wurde sie Deutsche Vizemeisterin im Blockwettkampf Wurf (Kombination aus Lauf- und Wurfdisziplinen) der Altersklasse W14, 2016 gewann sie Bronze in der W15 und westdeutsches Silber im Kugelstoßen. Bei den deutschen U20-Meisterschaften 2019 wurde sie Achte über 100 Meter und Sechste im Weitsprung.
Anfang 2021 wechselte Lena zur LG Rhein-Wied in eine Trainingsgruppe unter anderem mit Olympiateilnehmerin Sophia Junk. Ihre Bestleistungen: 7,55 Sekunden über 60 Meter, 11,74 Sekunden über 100 Meter, 6,05 Meter im Weitsprung und 13,84 Meter im Kugelstoßen. Noch im Sommer 2023 nahm sie an den deutschen U23-Meisterschaften teil.
Vier Jahre lang abgesagt
Charlotte Candrix hatte Lena längst gefragt, ob sie einmal bei ihr anschieben wolle. Vier Jahre lang lehnte die Sprinterin ab, weil sie noch Potenzial in der Leichtathletik sah. Als sich aber ihre Trainingsgruppe in Neuwied zunehmend auflöste, wurde die Frage nach der sportlichen Zukunft drängender.
Den entscheidenden Anstoß gab Leon Schwöbel, damals ihr Partner und heute ihr Ehemann. Auch er kannte Charlotte und ihr Umfeld seit vielen Jahren. Leon vereinbarte einen Termin an der bekannten Bahn in Winterberg und überzeugte Lena, es wenigstens einmal zu versuchen. Am 5. August 2023 stand sie erstmals an einer Bob-Anschubstrecke. Der Trainer vor Ort war sofort beeindruckt. Lena selbst spürte, dass Körpergröße, Gewicht, Kraft und die über Jahre erarbeitete Schnelligkeit plötzlich auf eine neue Weise zusammenpassten. Noch an diesem Tag fiel die Entscheidung: Die Leichtathletik war beendet, der Weg in den Wintersport begann.
Von Null auf Hundert
Es folgte ein Einstieg ohne lange Anlaufphase. Im Sommer trainieren Anschieberinnen auf Schienensystemen mit schweren Metallschlitten, im Herbst entscheiden zentrale Tests über Weltcup und Europacup-Einsätze. Bei ihrem ersten Test belegte Lena den achten Platz in der Rangliste der Anschieberinnen. Vor ihr lagen ausschließlich etablierte Weltcup-Athletinnen. Für die Anfängerin bedeutete das die Eintrittskarte in den Europacup.
Eine Anschieberin muss neben den athletischen Voraussetzungen auch das Gerät, den Bob, kennen und bei den Renn- und Trainings-Vorbereitungen helfen. Lena verbrachte mit Charlotte viele Stunden in der Garage und lernte, wie der Bob eingestellt, gepflegt und kontrolliert wird.
Nach der ersten Fahrt durch eine Eisbahn dachte Lena nur: „Halleluja.“ Sie war völlig überwältigt von der Dynamik und Geschwindigkeit sowie den auftretenden Kräften im Bob, stieg am nächsten Tag aber wieder ein. Bis heute ist sie vor jeder Fahrt aufgeregt. Das bewahrt ihr aber den Respekt vor einer Rennsportart mit Geschwindigkeiten von rund 130 Kilometern pro Stunde.
Am Start müssen Pilotin und Anschieberin den etwa 170 Kilogramm schweren Zweierbob im selben Moment beschleunigen. Timing und Vertrauen entscheiden. Sobald Charlotte einsteigt, bleiben Lena nur ein oder zwei Schritte bis zum Sprung in den Bob. Dann heißt es hinten: klein machen und stillhalten.
Dass der Sport Risiken birgt, erlebte das Duo bei einer Selektion in Altenberg hautnah, als sie mit dem Bob nach einem Fahrfehler stürzten. Beide blieben unverletzt, wozu auch die inzwischen zur Pflicht gehörenden Kevlar-Westen beitrugen, die unter den dünnen Rennanzügen getragen werden. Vor allem aber lernte Lena, dass im Bob niemand allein gewinnt oder verliert. Genau darin liegt für sie ein wesentlicher Unterschied zur Leichtathletik. Nach einem schlechten Einzelwettkampf blieb sie früher mit ihren Gedanken allein. Im Bob wird gemeinsam analysiert, aufgefangen und weitergemacht.
Erfolge mit Charlotte Candrix
Schon in ihrer ersten Saison führte der Weg direkt in den Europacup. Nach Selektionen in Winterberg und Altenberg hieß es plötzlich und etwas unerwartet: Koffer packen, Norwegen ruft! Aus einem Probetraining war ein Leben mit Trainingslagern, Eisbahnen und langen Reisen geworden.
Charlotte Candrix und Lena wurden ein enges Team. Beide verstehen sich auch außerhalb des Sports und sprechen offen über Fehler und Erwartungen. Dieses Vertrauen ist für Lena ein Baustein ihrer Erfolge. In der Saison 2025/26 gewann das Duo mehrere Europacup-Rennen und die Gesamtwertung. Ende 2025 wurden beide Junioren-Europameisterinnen, im Januar 2026 folgte in St. Moritz mit Start- und Laufbestzeiten der Junioren-Weltmeistertitel.
Bei den Olympischen Winterspielen 2026 gehörten Lena und Charlotte zum deutschen Ersatzteam. Lena erhielt eine persönliche Akkreditierung. Zuvor waren beide bei der Homologation (technische und sportliche Prüfung einer neuen Eisbahn durch den Weltverband) der Bahn in Cortina eingesetzt worden und fuhren als erstes Frauenteam überhaupt durch den noch nicht ganz vollständig fertigen Eiskanal.
Berufssport und zweites Standbein
Als Sportsoldatin in der Sportfördergruppe der Bundeswehr kann Lena ihren Sport als Beruf ausüben. Ergänzt wird diese Basis durch die Sporthilfe und Sponsoren wie Reuscher Tiefbau aus Rennerod sowie die Steuerkanzlei ZSB aus Dörth, bei der ihre Mutter Anja zur Geschäftsleitung gehört.
Für bessere Trainingsbedingungen zog Lena mit Ehemann Leon nach Frankfurt. Zuvor war sie ein Jahr lang fast täglich rund 130 Kilometer pro Strecke gefahren. Heute trainiert sie am Bundesstützpunkt Leichtathletik in Frankfurt mit Sommer-Anschubstrecke, Krafttraining, Physiotherapie und einer leistungsstarken Bobgruppe, die bei Eintracht Frankfurt eine eigene Abteilung bildet. Hier arbeiten im Sommer Bob-Anschieber im Grunde wie schwere Sprinter.
Auch die Zeit nach der Sportkarriere verliert Lena nicht aus dem Blick. In Gießen studierte sie Gymnasiallehramt mit Sport und Erdkunde. Der universitäre Teil ist weitgehend abgeschlossen, ausstehende Staatsexamensprüfungen kollidierten jedoch bislang mit der sportlichen Saison, sollen aber noch folgen. Zusätzlich studiert sie im Fernstudium Wirtschaftsrecht. „Ich brauche neben sportlichem Training und Wettkampf einen mentalen Ausgleich, deshalb das weitere Studium“, so Lena.
Zwei Karrieren, ein gemeinsames Leben
Ehemann Leon Schwöbel kennt die Anforderungen des Leistungssports. Der 1997 geborene Westerwälder begann beim TV Rennerod als Mehrkämpfer und wurde später einer der besten Kugelstoßer der Region. Seine Bestleistung liegt bei 19,16 Metern, 2022 wurde er damit Fünfter der deutschen Meisterschaften.
Auch Leon wechselte zur Saison 2023/24 als Anschieber in den Bobsport und fährt überwiegend im Team von Pilot Laurin Zern. Er gewann im Viererbob einen Europacup in Lillehammer und erreichte weitere Podestplätze. Beruflich gehört er zur Spitzensportförderung der Polizei Rheinland-Pfalz.
Die beiden haben vor Kurzem geheiratet. Klassische Flitterwochen gab es nicht: Zwei Tage nach der Hochzeit fuhr Leon zu Teamschüben nach Berchtesgaden, während Lena zu Hause trainierte. Weil beide denselben Alltag kennen, gibt es Verständnis für Trainingspläne, Müdigkeit und lange Reisen.
Der Traum von 2030
Die nächste Saison wird besonders spannend. Eine offene Selektion mit allen Sportlerinnen entscheidet über die Teamplätze für Weltcup und Europacup. Lena und Charlotte wollen in den Weltcup und möglichst zur Weltmeisterschaft in Lillehammer. Sollte dies nicht klappen, sammeln sie weitere Europacup-Erfahrung und Lena kann bei der Junioren-Weltmeisterschaft am Königssee ihren Titel verteidigen.
Das langfristige Ziel ist klar: Lena Schwöbel will 2030 bei den Olympischen Winterspielen in den französischen Alpen bei den Rennen um Medaillen an den Start gehen. Bis dahin möchte sie sich als verlässliche Anschieberin etablieren, die Schnelligkeit, Kraft, Erfahrung und Teamgeist miteinander verbindet.
Ihr bisheriger Weg zeigt, wie schnell sich im Sport eine neue Tür öffnen kann, wenn Talent, Mut und der richtige Zeitpunkt zusammenkommen. Vier Jahre lang hatte Lena Schwöbel den Bobsport abgelehnt. Wenige Monate nach ihrem ersten Anschub fuhr sie international, weniger als drei Jahre später war sie Junioren-Weltmeisterin. Aus der Leichtathletin aus Brey ist eine Berufssportlerin geworden, die im Eiskanal ihren Platz gefunden hat und ihren olympischen Traum mit voller Kraft anschiebt.