Maël & Jonas


Kleine Brötchen – große Träume

Maël & Jonas zwischen „The Voice of Germany”, Erfolg und Veränderung

Das Publikum jubelt. Vier Stühle drehen sich fast gleichzeitig um. Maël Brunner und Jonas Brochhausen stehen auf der Bühne und plötzlich scheint alles möglich zu sein.

Es ist 2020. Die beiden jungen Musiker aus Koblenz sind eigentlich mit der Haltung zu „The Voice of Germany“ gegangen, einfach mal zu gucken, was passiert. Doch ihre Teilnahme entwickelt sich zu einem unerwarteten Erfolg: Sie schaffen es bis ins Finale und erreichen mit Nico Santos als Coach den dritten Platz. Plötzlich sind die beiden jungen Musiker bundesweit bekannt. Der große Durchbruch zum Greifen nah.

Heute, sechs Jahre später, sprechen Maël und Jonas über etwas anderes. Darüber, was passiert, wenn die Kameras längst wieder ausgeschaltet sind. Sie sprechen weniger über einen erfüllten Traum als über einen langen und ziemlich mühsamen Weg. Über Algorithmen, Selbstvermarktung und Existenzängste. Aber auch darüber, warum ein kleiner Traum manchmal wichtiger sein kann als ein großer.

Wenn die Musik beinahe zu kurz kommt
„Es wird von Künstlern zu viel verlangt“, sagt Jonas. „Vor allem, was die sozialen Medien betrifft.“ Mindestens ein Video pro Tag, regelmäßig neue Veröffentlichungen – und das alles zusätzlich zur eigentlichen kreativen Arbeit. „Hinter einem kurzen Clip, der im Netz leicht und spontan aussieht, stecken oft mehrere Stunden Arbeit.“ Erwartet werden die Posts trotzdem. Von Plattenfirmen, Managements, Veranstaltern und natürlich auch den Fans. „Das Problem dabei ist“, erklärt Jonas, „dass die Beiträge längst nicht mehr zuverlässig bei den Followern ankommen. Stattdessen entscheidet der Algorithmus, wem welcher Inhalt angezeigt wird.“ Maël bestätigt das: „Unsere Fans sind oft total überrascht, wenn sie erfahren, dass wir einen neuen Song released und sie nichts davon mitbekommen haben.“

Herausforderungen, die den Weg nach oben steiniger machen. Bei Maël und Jonas kommt allerdings noch etwas hinzu: Sie haben kein Management, das ihnen Aufgaben abnimmt, keine Produktionsfirma, die im Hintergrund die Fäden zieht. Sie machen derzeit alles selbst. Eine Two-Men-Show und ein Vollzeitjob – allerdings nicht unbedingt mit dem entsprechenden Verdienst.

Von der Musikschule zur Freundschaft
Ihre Geschichte beginnt in einer Musikschule in Koblenz. Maël hat zunächst Gitarrenunterricht – bei Jonas‘ Vater. Für ein Bandprojekt der Musikschule bringt er die beiden zusammen. „Mein Vater hat immer wieder gesagt, dass wir gemeinsam Musik machen sollen“, erinnert sich Jonas und grinst. „Ich bin sechs Jahre älter als Jonas“, erläutert Maël. „Für uns als Teenies war das damals nicht die naheliegendste Option.“ Doch sie erkennen schnell, dass sie tatsächlich gut zusammenpassen. Nicht nur musikalisch, sondern auch zwischenmenschlich. „Wir haben dann 2017 unsere Band Johnny Left gegründet und ausschließlich Coversongs gespielt“, berichtet Maël.

Das reicht den beiden jedoch nicht. Sie wollen ihre eigenen Songs performen. Doch zunächst geht Jonas für ein Austauschjahr in die USA. Der Kontakt zwischen den beiden reißt dennoch nicht ab. „Wir haben gefühlt täglich telefoniert, über unsere Songs gesprochen und uns Melodien vorgespielt“, erinnert sich Maël.

Ein Auftritt und plötzlich bekannt
Zurück in Deutschland ist es wieder Jonas‘ Vater, der den beiden den entscheidenden Anstoß gibt. „Wir sollten bei ‚The Voice of Germany‘ mitmachen“, so Jonas. „Mein Vater ließ einfach nicht locker, also meldeten wir uns an.“ Große Erwartungen haben sie damals nicht. „Aber letztendlich war das unsere Geburtsstunde.“ Runde für Runde kommen sie weiter. Die Hoffnung auf einen Durchbruch wächst, der Druck, den die beiden sich machen, auch. Als die Kameras wieder ausgeschaltet sind, sind da plötzlich viele Fragen: Wie schafft man es nun, sichtbar zu bleiben? Wie kann man von der eigenen Musik leben? Wie kann man mit dem Druck umgehen, ohne irgendwann daran kaputtzugehen? Alle Antworten gefunden haben sie noch immer nicht.

2021 nehmen der damals 26-jährige Maël und der 20-jährige Jonas am Vorentscheid für den Eurovision Song Contest 2022 teil. Mit ihrem eigenen Song „I Swear To God“ erreichen sie bei der Endabstimmung den zweiten Platz. Wieder sind sie sichtbar. Wieder stellen sie sich die bekannten Fragen. 2025 performen sie beim „Allstars“-Format von „The Voice of Germany“ erneut ihren Song. Diesmal drehen sich drei Stühle um. Wieder sind das Publikum und die Coaches begeistert. Aber etwas ist anders. Maël und Jonas gehen mit einer anderen Haltung an die Sache heran. Weniger Druck, weniger Gedanken darüber, wie es nach dem Auftritt weitergehen könnte – und mehr Freude an dem, was sie eigentlich machen wollen. „Wir haben uns gesagt: Wir wollen hier einfach Spaß haben“, erinnert sich Maël.

Aus der Krise zurück zur Musik
Diese Einstellung kommt nicht von ungefähr. Maël und Jonas feiern gemeinsam Erfolge, erleben aber auch harte Rückschläge. Der größte Einschnitt ist die Trennung von ihrem damaligen Management, was sie vor weitere Herausforderungen stellt und schließlich in eine tiefe Krise wirft: Sie fragen sich, ob sie überhaupt noch weitermachen sollen. „Das war eine verdammt schwierige Zeit“, erzählt Jonas nachdenklich. „Aber dann haben wir uns die viel wichtigere Frage gestellt: Was ist das eigentlich, was uns runterzieht und uns den Spaß an der Arbeit nimmt?“ Die Antwort ist sofort klar. Nicht die Musik selbst, sondern das Drumherum. Also machen sie weiter, fangen neu an. Ohne Label, ohne Management, aber mit der Erkenntnis: Ein Leben ohne Musik ist keine Option.

Sie beginnen, Songs auf Deutsch zu schreiben. Fast elf Monate arbeiten sie an dem Album, das im Frühjahr 2027 erscheinen wird. Viele Songs werden geschrieben, manche verändert, andere verworfen und doch wieder hervorgeholt. Gerade weil die deutsche Sprache leichter verstanden wird, sind die beiden kritischer: Was wollen wir wirklich sagen? Was fühlt sich nach uns an? Wie viel sind wir tatsächlich bereit, über uns, unsere Gedanken und Gefühle preiszugeben? Die Antwort ist: Viel.

Entstanden ist ein Album, das persönlicher ist als alles zuvor. „Wir haben in den letzten Jahren viel mehr Selbstvertrauen entwickelt und sind mutiger geworden“, so Maël. „Alles selbst entscheiden zu können, ist toll. Auch wenn es extrem viel Arbeit ist.“ „Wir wollen unseren Fans gute Vibes mit auf den Weg geben und sie aufmuntern, wenn sie vielleicht auch mal schlecht drauf sind“, ergänzt Jonas. „Wir lieben, was wir tun, und das wollen wir den Menschen zeigen.“

Was macht eigentlich glücklich?
Das neue Album trägt einen Titel, der viel über Maël und Jonas‘ neuen Blickwinkel auf Erfolg verrät. Bei einem Spaziergang kommt Jonas der Gedanke, dass es vielleicht sinnvoller ist, mit kleinen Brötchen zufrieden zu sein. Dass es glücklicher macht, sich wieder mehr auf sich selbst zu konzentrieren und nicht immer auf den großen Durchbruch zu hoffen. „Wenn man ständig darüber nachdenkt, ob man erfolgreich sein wird, vergisst man leicht, warum man eigentlich auf der Bühne steht.“

Also orientieren sie sich neu. Und starten mit ihrem Album „Kleine Brötchen“ in die nächste Runde. Mit mehr Spaß – und weniger Druck. Natürlich träumen sie weiterhin von großen Konzerten. Aber wichtiger ist etwas viel Einfacheres: „Man muss davon leben können“, sagen sie. Es geht ihnen nicht um Luxus. Nicht darum, reich zu werden. Sondern um die Möglichkeit, die eigene Kunst langfristig als Beruf ausüben zu können – und dabei ein gutes Leben zu führen. Selbstbestimmt. Sorgenfrei. Glücklich.

Deshalb bedeuten kleine Brötchen noch lange keinen Rückschritt. Vielleicht sind genau sie die Voraussetzung dafür, dass große Träume Wirklichkeit werden können.

KONTAKT
Instagram: @maelundjonas
www.maelundjonas.com

Text: Jasmin Rumpf / Fotos: Marvin Vyhnal, ProSieben/RichardHübner, CAPADOL, Yvette Robol