Es ist Dienstagmorgen, 18. August 2026. Über Dortmund hängt schweres Grau, der Regen prasselt auf den Hoeschpark und die Brackeler Straße. Das Training der BVB-Frauen ist vorbei. Gegenüber, bei McDonald’s, unweit des Borsigplatzes, sitzt Markus Högner und redet mit seinem unüberhörbaren Mayener Zungenschlag über Fußball. Fast 52 Minuten lang führt das Gespräch weit weg von diesem nassen Morgen: nach Mayen, Aachen und Costa Rica, an die Copacabana, zum DFB und wieder zurück in die Eifel. Högner erzählt ohne Pose, freundlich, offen, manchmal selbstironisch. Einer, der ziemlich genau weiß, was er kann – aber wenig Interesse daran hat, daraus eine Show zu machen.
Zwei Tage später beginnt für sein Team die Saison in der drittklassigen Regionalliga West. Högner schätzt: „Bestimmt 4500 Zuschauer.“ Es kommen 4572. Dortmund schlägt Bielefeld 3:0. Schon beim 1:0-Sieg gegen die AS Rom waren 8583 Menschen in der Roten Erde. Zum Vergleich: Die gesamte Frauen-Bundesliga kam 2025/26 im Schnitt auf 3592 Zuschauer pro Partie. Es zeigt, wie außergewöhnlich die Dortmunder Dimension heute schon ist. Zumal diese Mannschaft nicht durch die Übernahme eines bestehenden Frauenklubs entstand, sondern bewusst 2021 in der Kreisliga startete. Das Team sollte aus eigener Kraft wachsen.
Heute spielen Alexandra Popp und Champions-League-Siegerin Manuela Zinsberger für die inzwischen hochklassig besetzte Frauenabteilung. Ralf Kellermann hat die sportliche Leitung übernommen. Für Popp schließt sich dabei ein persönlicher Kreis: Als kleines Mädchen stand die Wittenerin im Dortmund-Trikot mit Käppi und Fahne im Westfalenstadion. Högner betrachtet all das erstaunlich nüchtern. Wichtig ist ihm, dass der BVB es mit dem Frauenfußball ernst meint.
Der „Rivelino“ aus der Leyenstraße
Um diesen 1,83 Meter großen Mann zu verstehen, muss man zurück in seine Heimat. Geboren wird er am 26. April 1967 in Ettringen. Rund zwanzig Jahre lebt er anschließend in Mayen. Dort beginnt der Fußball nicht mit Leistungsdruck und Videoanalyse, sondern auf dem Bolzplatz in der Leyenstraße. „Ich war ein richtiger Straßenfußballer“, sagt er stolz. Straßenmeisterschaften, jede freie Minute kicken, später TuS Mayen. „Für mich gab es tatsächlich nie was anderes.“
Sein erster Trainer ist Wilfried Blasweiler, der sich in Mayen mehr als 20 Jahre für die Fußballjugend engagierte. Später folgt Wolfgang Roßmann. Högner wird mit dem TuS Rheinlandmeister, spielt als B-Jugendlicher schon in der A-Jugend und mit 17 in der ersten Mannschaft bei Rudi Schäfer in der Oberliga, der damaligen dritten Liga. Zur Ausbildung gehören im Sommer auch fünf Einheiten pro Woche auf Asche und nach dem Training Läufe bis nach Kürrenberg. Högner romantisiert das nicht: „Da habe ich schon gelernt, dass man sich durchbeißen muss.“
Sein Spitzname hält bis heute: „Rivelino“. Alte WM-Bücher seines Vaters hatten die Begeisterung für Brasilien, Pelé und Roberto Rivelino geweckt. „Wenn ich heute noch durch Mayen gehe, nennen mich manche immer noch so.“
Über den BC Ahrweiler geht es 1988 zu Alemannia Aachen. Kultcoach Peter Neururer holt ihn zum Zweitligisten – drei Einsätze stehen später in der Statistik. Keine große Profikarriere, aber eine Tür in eine viel größere Fußballwelt. Högner geht nach Costa Rica und spielt für LD Alajuelense, einen der größten Klubs Mittelamerikas. Bei einem Turnier trifft er sogar auf Borussia Dortmund. Im Mannschaftshotel sitzt der junge Lars Ricken über seinen Abiturunterlagen. Mehr als drei Jahrzehnte später sprechen und lachen beide darüber.
Der Trainer, der Karrieren baut
2000 wird Högner Trainer der deutschen Beachsoccer-Nationalmannschaft. Dabei steht er selbst im Sand, bis ihn in Rio ein Zusammenprall mit einem Metallpfosten ausbremst. Danach konzentriert er sich zunehmend auf die Trainerrolle. 2004 geht es zurück zu Alemannia Aachen, wo er den Beruf von ganz unten lernt: D-Jugend-Koordinator, U16, später U19-Bundesliga. Eltern anrufen, Busse organisieren, Turniere und Trainingslager planen. „Ich habe den Trainerberuf von der Pike auf gelernt.“ Parallel gründet er die Fußballschule Hattrick, die er bis heute leitet. Es mache ihm Spaß zu sehen, wie sich junge Talente weiterentwickeln.
In seinen Aachener Mannschaften stehen Spieler, die später in der Bundesliga spielen: Lewis Holtby, Christoph Moritz, Marco Höger, Manuel Junglas, Alper Uludağ oder Wilson Kamavuaka. 2008 übernimmt Högner Schalke 04 II. Sven Kmetsch arbeitet als Co-Trainer mit ihm, über Mike Büskens gibt es die Verbindung zur Profimannschaft. Nach einigen Niederlagen endet diese Station 2009 jedoch vorzeitig. „Gehört auch dazu“, so Högners Bilanz.
2010 kommt die Anfrage der SGS Essen. Frauenfußball? „Für mich ging das gar nicht“, war Högners erste Reaktion. Seine Frau Dorothee, die er Anfang der 2000er-Jahre in Aachen kennenlernt, sieht die Vorteile und rät ihm, sich das Angebot wenigstens anzuhören. Er tut es. „Da muss ich sagen: Das habe ich nie bereut, im Gegenteil!“ Aus der zunächst fremden Idee werden insgesamt zwölf Jahre in Essen – und wahrscheinlich sein wichtigstes Werk.
Gemeinsam mit Manager Willi Wißing entscheidet Högner früh, dass Essen die finanzstärkeren Klubs nicht kopieren kann. „Bevor wir eine graue Maus werden, lass uns auf den Nachwuchs konzentrieren. Lass uns Spielerinnen ausbilden.“ Genau das geschieht. Und zu sagen, diese Spielerinnen hätten lediglich eine „Essener Vergangenheit“, würde Högners Anteil deutlich zu klein machen. Inzwischen lässt sich bilanzieren, dass unter ihm und seinem Stab zwölf deutsche und drei internationale Spielerinnen den Sprung zur Nationalspielerin geschafft haben. Der DFB schrieb später über Högner: Kaum ein Trainer habe so viele junge Talente zu Bundesliga- oder sogar Nationalspielerinnen entwickelt.
In der Tat: Was in Essen entsteht, ist außergewöhnlich. Lea Schüller debütiert im Dezember 2013 mit gerade einmal 16 Jahren in der Bundesliga unter Högner. Linda Dallmann, Nicole Anyomi, Sara Doorsoun, Marina Hegering und Lena Oberdorf gehen unter seiner Führung entscheidende Entwicklungsschritte. Auch Jacqueline Meißner arbeitet elf Jahre lang unter Högner – sie wird Essener Rekordspielerin und Nationalspielerin.
Seine Methode bleibt dabei auffällig konstant: jungen Menschen früh Verantwortung geben, Fehler aushalten, Spiele zumuten. Erfahrung, davon ist Högner überzeugt, lässt sich nicht simulieren. Darum antwortet er auf die Frage nach seinem größten Erfolg auch nicht mit einem Pokal. „Dass wir es geschafft haben, zusammen in Essen so viele Nationalspielerinnen zu entwickeln! Wenn ich das heute so sehe, ist das schon eine krasse Leistung.“ Zwei DFB-Pokalfinals – 2014 und 2020 – gehören dennoch zu seiner Bilanz. 2020 zwingt Essen den übermächtigen VfL Wolfsburg nach einem 3:3 bis ins Elfmeterschießen. „Wir waren komplett gleichwertig“, sagt Högner noch heute mit großem Stolz.
2016 holt die damalige Bundestrainerin Steffi Jones ihn als Co-Trainer zur deutschen Nationalmannschaft, später arbeitet Högner in Wolfsburg mit einem Kader voller Weltklassespielerinnen. Was bleibt aus diesen Jahren? Vor allem Akribie. „Gerade beim DFB hast du gelernt, was es heißt, professionell zu arbeiten, noch akribischer die Dinge vorzubereiten.“ 2019 kehrt er nach Essen zurück.
Auch die Statistik ist inzwischen beachtlich. Das DFB-Datencenter weist 398 Trainerpartien in den dort erfassten Vereinswettbewerben aus: 314 für die SGS Essen, 52 für Alemannias U19 und 32 für Schalke 04 II. Seine Arbeit bei der Nationalmannschaft und in Wolfsburg sowie im Nachwuchs und Beachsoccer wird in dieser Statistik nicht einmal erfasst. Die Daten geben seiner Laufbahn Zahlen. Sein Vermächtnis erzählen sie nur unvollständig.
Von Mayen in die Welt und zu Gott
Privat wird der Ton leiser. Seine Frau Dorothee habe ihn „geerdet“, sagt Högner. Früher sei er schon ein „Hallodri“ gewesen – Costa Rica, Fußball, viel unterwegs, das Leben genießen. Sie ist es später auch, die ihn dazu drängt, den Fußballlehrer-Lehrgang wirklich zu absolvieren, obwohl ihm die Doppelbelastung mit der A-Jugend-Bundesliga zunächst zu groß erscheint. Seit 2008 lebt die Familie in Billerbeck. Die beiden Söhne sind 18 und 14 Jahre alt, beide spielen selbst Fußball.
Von Billerbeck nach Dortmund fährt Högner meist zwischen 45 Minuten und einer Stunde. Das Pendeln empfindet er nicht als Belastung. Im Gegenteil. Er nutzt diese Zeit, um herunterzukommen und nachzudenken. Zu Hause arbeitet er im Garten, schwimmt morgens, geht walken. „Frühschwimmer“, sagt er über sich. Dann erzählt er von einer anderen Zäsur. 2002 stirbt seine Mutter an Krebs. Högner ist bei ihr. „Das hat mein Leben verändert.“ Der Glaube gewinnt danach einen anderen Stellenwert. Heute trifft er sich in einem Sportler-Bibelkreis. Zugleich bleibt seine Neugier auf die Welt: Ruanda mit der Rheinland-Auswahl, Israel, Costa Rica, Brasilien, später Togo, wo er Trainer fortbildet. „Ich bin gern so in der Welt.“
Auch die Heimat hat er stets im Blick. Über die SG 99 Andernach spricht Högner mit großem Respekt und noch heute schaut er nach, wie sein TuS Mayen gespielt hat. Wenn er die A48 oder A61 hinunterfährt, denkt er an seine Kindheit. Mayen ist längst nicht mehr der Mittelpunkt seines Lebens. Dafür ist Högner zu lange weg, dafür ist zu viel passiert. Die Region sei aber „trotzdem immer noch ein kleiner und emotionaler Teil“ in seinem Leben.
Högner hat sich weit vom Bolzplatz in der Leyenstraße entfernt, auf dem der Linksfuß fast jede freie Minute der 70er- und frühen 80er-Jahre verbrachte und wo heute nicht einmal mehr Tore stehen. Ohne jedoch seine Herkunft zu vergessen. Er kennt die Arbeitsweise des Spitzensports ebenso wie die Bescheidenheit des Amateurfußballs: Ascheplätze, Elternabende, selbst organisierte Busfahrten, Jugendcamps, knappe Budgets – und den Moment, in dem ein 16-jähriges Talent erstmals ins kalte Wasser muss.
Statt sich selbst größer zu machen, spricht er lieber über Familie und Weggefährten, die ihren Weg gemacht haben. Vielleicht ist das keine zufällige Bescheidenheit, sondern das Prinzip seiner ganzen Karriere: Högner scheint Erfolg weniger darin zu sehen, selbst im Mittelpunkt zu stehen, als Menschen so weit zu bringen, dass sie dort irgendwann ohne ihn stehen können.
Aus „Rivelino“ wurde ein Profi, Weltenbummler, Fußballlehrer und einer der profiliertesten Ausbilder im deutschen Frauenfußball. Seine Spielerinnen sind bislang seine eindrucksvollste Bilanz – größer als jeder Titel. Aber wer weiß, wohin das Abenteuer BVB Markus Högner noch führt? Die Ziele bei den Schwarz-Gelben sind jedenfalls groß!