Manchmal braucht Hilfe keinen komplizierten Antrag, sondern vier Winterreifen. Björn Flick erzählt diese Geschichte 15 Auszubildenden der Westerwälder Kreisverwaltung im Koordinationsbüro von „Wäller Helfen e. V.“ in Oberroßbach. Eine Mutter musste ihr behindertes Kind regelmäßig zur Uniklinik nach Bonn fahren, bei Eis und Schnee. Winterreifen konnte sie sich nicht leisten, das Sozialamt durfte den Kauf nicht bezahlen. Flick stellte den Fall in die Facebook-Gruppe des Vereins. Eine halbe Stunde später übernahm ein Mann aus Hachenburg die Kosten. „Es geht manchmal ganz einfach“, so Flick.
Der Satz beschreibt, was „Wäller Helfen“ seit seiner Gründung ausmacht. Der Verein ist Nachbarschaftshilfe, Krisennetzwerk und Ideenschmiede zugleich. Er springt dort ein, wo Zuständigkeiten enden oder bürokratische Hürden zu hoch sind.
Im Mittelpunkt steht Björn Flick: Mitgründer, geschäftsführender Vorsitzender, Netzwerker und bekanntestes Gesicht des Vereins. Einer, der kaum über ein Problem sprechen kann, ohne sofort nach einer Lösung zu suchen.
Als Hilfe plötzlich viral ging
Begonnen hat alles im März 2020. Zu Beginn der Corona-Pandemie wusste niemand, was der Lockdown für den Alltag bedeutete: „Wer kauft für ältere Menschen ein?“ „Wer hilft Familien, wenn Schulen und Kitas schließen?“
Christian Döring, heutiger Ehrenvorsitzender des Vereins, gründete spontan eine Facebook-Gruppe und holte Flick dazu. Innerhalb von fünf Tagen traten ihr rund 4000 Menschen bei. Übungsleiter boten spontan Online-Sportkurse an, Erzieherinnen teilten Ideen für Kinder, ein Radiosprecher las 100 Abende lang Gute-Nacht-Geschichten vor. „Das kam alles automatisch, als die Leute das gesehen haben: Ich will auch was machen“, erinnert sich Flick an eine allgemeine Haltung und Begeisterung.
Als die ersten Spenden angeboten wurden, brauchte die Initiative eine feste Struktur. Aus der Gruppe wurde ein Verein. Einige der sieben Gründungsmitglieder kannten sich nur aus dem Internet. Beim ersten größeren Treffen umarmten sich Menschen, die zuvor kaum mehr als die Profilbilder der anderen gesehen hatten. „Was wir hier gerissen haben, das war schon stark“, sagt Flick rückblickend auf diese Zeit.
Lange blieb sein Privathaus die Schaltzentrale. Flick arbeitete Vollzeit beim Deutschen Roten Kreuz – und nach Feierabend für den Verein. „Ich hatte eigentlich zwei Vollzeitjobs: hier und meinen richtigen Job.“ Heute ist er hauptamtlich für „Wäller Helfen“ tätig, unterstützt von mittlerweile sechs Mitarbeitern. Der Verein zählt allein in seiner Facebook-Gruppe mehr als 17.000 Mitglieder.
Flick findet sich nur schwer damit ab, wenn etwas angeblich nicht möglich ist. Sein Ton ist direkt, handfest. „Vom Auf-der-Couch-Sitzen und Meckern passiert ja nichts“, betont er in seiner Westerwälder Art. „Wer etwas bewegen möchte, muss den Arsch hochkriegen.“
Nachbarschaftshilfe wird Katastrophenhilfe
Dieser Antrieb trug den Verein durch seine größten Einsätze. Als im Juli 2021 die Flut das Ahrtal verwüstete, war Flick mit seiner Familie im Urlaub – dort erreichte ihn die Nachricht. Er organisierte sofort Spenden per Facebook und Hilfseinsätze per Telefon; an diesen Tagen gingen täglich rund 500 Anrufe ein. Die Familie brach den Urlaub ab, denn es wurde immer mehr Hilfe gebraucht. Rund 350.000 Euro kamen schließlich zusammen. 50 Wochen lang fuhren am Wochenende Busse mit Wäller Helferinnen und Helfern ins Katastrophengebiet.
Und als 2022 Geflüchtete aus der Ukraine in den Westerwald kamen, klingelte Flicks Telefon wieder pausenlos. Für 15 Menschen wurden dringend Unterkünfte gesucht. Über das Netzwerk gingen innerhalb von vier Wochen mehr als 700 Angebote ein. Der Verein sammelte rund 125.000 Euro und brachte Hilfsgüter in die Ukraine.
Vor Ort besuchte Flick mit seinem Team auch eine Einrichtung für Menschen mit Behinderungen, in der zeitweise nur eine Stunde Strom am Tag verfügbar war. „Das kann sich hier keiner vorstellen, was die alle mitgemacht haben.“ Solche Einsätze hinterlassen Spuren – genauso in seiner Familie, die dafür notgedrungen immer wieder zurückstehen musste. „Die leiden schon sehr, sind aber auch stolz.“
Aus der Region, für die Region
Inzwischen richtet „Wäller Helfen“ den Blick wieder stärker auf die soziale Not vor der eigenen Haustür. Im Sozialkaufhaus in Montabaur gehören laut Verein rund 2500 Menschen zum Kundenstamm. Kleidung, Möbel und Haushaltsgegenstände werden günstig weitergegeben und vor der Entsorgung bewahrt. An Sachspenden mangele es nicht: Der Verein werde regelrecht „zugeschüttet“.
Ebenso wichtig bleibt die klassische Nachbarschaftshilfe. Gerade auf dem Land wird Mobilität schnell zur Hürde. „Wer mit dem Rollator unterwegs ist, kann nicht stundenlang auf einen Bus warten“, so Flick. Es geht um eine Fahrt zum Arzt, Hilfe beim Einkauf – bis hin zur Unterstützung im Haushalt.
Über das Programm „Kleine Hilfe – Große Wirkung“ vermittelt der Verein Helfende zwischen 16 und 70 Jahren an pflegebedürftige Menschen. Flick erzählt von einer 16-Jährigen, die bei einer 80-jährigen Frau die Fenster putzen sollte – und zugab, das noch nie gemacht zu haben. Die Seniorin antwortete, sie werde es ihr beibringen. „Da wird es für mich rund. Das ist genau das, was wir machen wollen.“ Denn: Generationen sollen nicht bloß nebeneinander leben, sondern voneinander lernen. Auch die „Wäller-App“ des Vereins bringt Hilfesuchende und Helfende zusammen; außerdem können Werkzeuge und Geräte darüber verliehen werden.
Besonders am Herzen liegt Flick der „Wäller-Wunsch-Wichtel“. Menschen in sozialen Einrichtungen können online Wünsche äußern, wie etwa die 90-jährige Helga Schmidt aus Montabaur, die sich noch einmal einen Sommertag mit Hund und ein Eis wünschte. Das Video, das die Wunscherfüllung zeigt, erreichte auf Instagram in Kooperation mit Sat.1 mehr als 3,4 Mio. Aufrufe. Und damit das Projekt auch ein unverwechselbares Gesicht bekommt, ließ der Verein von Alexandra Brandner, Kostümbildnerin der ProSieben-Sendung „The Masked Singer“, ein lebensgroßes Wichtel-Kostüm anfertigen.
Viele Projekte von „Wäller Helfen“ entstehen aus Beobachtungen im Alltag. Als Flick zum Beispiel die großen Waldschäden im Westerwald sah, entwickelte sich daraus „Wir forsten auf“ – eine Aktion, die inzwischen auf den 100.000. gepflanzten Baum zusteuert. An anderer Stelle finanziert der Verein Schwimmkurse für Kinder oder bringt unter dem Titel „Weihnachten mit Herz“ Menschen zusammen, die die Feiertage sonst allein verbringen müssten. So unterschiedlich die Ideen sind, ihr Ausgangspunkt ist immer derselbe: genau hinsehen und dort helfen, wo Unterstützung konkret benötigt wird.
Damit das funktioniert, braucht der Verein mehr als Begeisterung. Die laufenden Kosten werden etwa über Pflegekassen, Mitgliedsbeiträge, Preisgelder und ein Netzwerk von rund 60 regionalen Unternehmen finanziert. Spenden sollen vollständig in die Projekte fließen. „Aus der Region, für die Region“ lautet das Motto. „Es gibt keinen anderen Verein, der das macht, was wir machen.“
Wer hilft in zehn Jahren?
„Wäller Helfen“ erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Publikumspreis der „SWR-Ehrensache“ und 2022 den Sonderpreis der Jury des Deutschen Engagementpreises. Das habe viele Türen geöffnet und Anerkennung für die Gemeinschaft gebracht, wie Flick bestätigt. Zugleich ist der Verein aber eng mit ihm persönlich verbunden. Er würde die Verantwortung gern auf mehr Schultern verteilen, auch mit Blick auf die Zukunft. „Wir können mit Wäller Helfen ja nicht aufhören.“
Deshalb möchte Björn Flick auch junge Menschen früh fürs Ehrenamt gewinnen, wie an diesem Tag die Auszubildenden der Kreisverwaltung. Die Zukunft von „Wäller Helfen“ entscheidet sich für ihn dabei im Kleinen, im Alltag, und ist geprägt von „Empathie, aufeinander achten, mal nachfragen, nicht darauf warten, dass eine Behörde oder ein anderer Verein zuständig ist“.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Vision des Vereins: dass gegenseitige Unterstützung in der Region selbstverständlich wird – weil Menschen aufmerksam hinschauen, Verantwortung übernehmen, als Nachbarn füreinander da sind.
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